Kurzgeschichten

Autor: Charles Halbeisen
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Jahr: 2011

Der Wahrheitssucher

Ein Mann hatte viel über den Krieg nachgedacht und darüber auch viele Bücher gelesen. Aber er lebte in einem friedlichen Land, wo sich die Leute auf der Strasse noch freundlich grüssten. Wenn die Leute sich über ein Kriegsereignis der Gegenwart oder Zukunft unterrichten wollten, wendeten sie sich meistens mit Erfolg an diesen belesenen Mann. Doch immer stärker wurde der Mann von einem schlechten Gewissen geplagt. Er hatte in seinem ganzen Leben den Krieg noch nie selber erlebt und kam sich wie ein Betrüger und Hochstapler vor, wenn er über den Krieg redete. Da kaufte er sich eines Tages ein Flugticket, reiste in ein Land, in welchem gerade ein grässlicher Krieg tobte, und wurde nie mehr gesehen.


Der Arbeitsvertrag

Die Asche des ehemaligen Magaziners der Firma Hernek wird durch den starken Wassersog im Spühlbecken in die Abflussleitung befördert,  um nach einem Fall durch das Steigrohr in die städtische Kanalisation zu gelangen. Die Sterbehilfe-Organisation "Edelstein" hat den Auftrag der Firma Henrek ordentlich abgewickelt und gemäss den gesetzlichen Vorschriften dokumentiert. Franz Kachelkrug war ein fleissiger Mitarbeiter,  ausgezeichnet mit der goldenen Hernek-Uhr. In den letzten Jahren liess seine Arbeitsleistung leider nach, die Geschäftsleitung drückte trotz der häufigen Arzt-Besuche zwei Jahre lang "ein Auge zu". Dann musste Franz eines Tages aufs Büro, der Firmen-Chef fragte, ob er eine Tasse Kaffee möchte. Die nahm Franz gerne. "Herr Kachelkrug", sagte schliesslich der Chef. "Sie wissen es so genau wie ich: So kann es nicht weitergehen. Die Firma kann sich Ihr ewiges Kranksein nicht mehr leisten. Wir müssen nun leider auf den Vertragsbedingungen bestehen. Hier lesen sie genau, was unsere Abmachung war und ist, welche von Ihnen unterzeichnet ist." Franz Kachelkrug las, so gut er er es mit den trüben Augen noch konnte. Da stand geschrieben: "Im Falle einer längeren Krankheit behält sich die Firma das Recht vor, die "Edelstein human resources" in beratender Funktion beizuziehen. Sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer akzeptieren die Empfehlungen der Firma Edelstein." Dann führte der Chef aus, dass die Firma Edelstein zum Schluss gelangt sei, dass ein Freitod für Hans Kachelkrug die grösste Freiheit böte. "Sterben in Würde", sagte der Chef, "Herr Kachelkrug, denken Sie an die unzähligen Persönlichkeiten, welche diesen würdevollen Weg gegangen sind."  Franz Kachelkrug hatte vor dreissig Jahren sein eigenes Todesurteil unterschrieben, ohne sich dessen bewusst zu sein. Der Verweis auf die Firma Edelstein machte ihn damals nicht misstrauisch. Sollte er nun vor Gericht gehen? Die Chancen sind klein, wieso sollte das "Menschenrecht auf Freitod" nun plötzlich etwas Rechtswidriges sein? Würden ihn die Richter aus dem Vertrag entlassen? Die Chance war sehr klein.
Am 5. Mai 2012 hatte der Magaziner Franz Kachelkrug einen unverbindlichen Termin bei der Firma Edelstein. "Herr Kachelkrug, es geht bloss um Ihre persönliche Freiheit, schieben sie doch einmal den linken Ärmel etwas hoch, oder wenn es Ihnen lieber ist, den rechten. Hören sie gerne Musik, Herr Kachelkrug? Mögen sie Mozart? Herr Kachelkrug, hören sie mich noch ??  Herr Kachelkrug ..,    Herr Kachelkruuuuuuug????".

Es ist alles gut verlaufen, Frau Meier.  Schicken sie bitte eine Kopie des Rapportes an die Kantonspolizei.


Hochwürden

Peter kehrt am frühen Nachmittag von der Wanderung ins Dorf zurück. Der Himmel ist wolkenlos, ein warmer Augusttag. Der leicht abfallende Kiesweg wird beidseitig von Holz-Chalets und herausgeputzten Gärten geziert. Das Bergdorf ist für Autos nicht zugänglich, deswegen herrscht eine grosse Ruhe, von weitem vernimmt man das Hämmern von Zimmerleuten an einem neu erstellten Haus. Peter wird durch die sorgfältig angelegten Blumenrabatten erfreut. Zu seiner Linken schneidet ein Mann Rosen. Die Welt ist friedlich und heiter hier oben. "Grüezi", sagt Peter beim Vorbeigehen. "Grüezi Hochwürden", erwidert der Mann mit der Gartenschere in der Hand den Gruss. In gewissen Gegenden werden katholische Priester als "Hochwürden" angesprochen. Peter wundert sich über die Anrede des unbekannten Mannes, denn er ist nicht Priester, zwar katholisch, hat aber mit der Kirche seine Mühe. Seltsamerweise wurde er schon vor einigen Tagen beim Verlassen des Hotels von einem andern Gast als "Hochwürden" angesprochen. Hatte er hier einen Doppelgänger, mit dem er verwechselt wurde? Direkt zur Rede stellen wagt er die Leute nicht. Es könnte ja sein, dass er deren Gruss nicht richtig verstanden hat. Seltsam ist auch, dass ihm solche "Verwechslungen" in der ganzen Schweiz widerfahren. Einmal wagte er zu fragen, und tatsächlich hatte man ihn mit einem Kloster-Bruder des Ortes verwechselt.

Wenn Peter bei schlechtem Wetter seinen schwarzen, breitkrempigen Hut trägt, wird er nicht nur von den Hunden angebellt, sondern viele Leute, die ihn auf dem Weg kreuzen, fühlen sich genötigt, höflich zu grüssen, was seltener vorkommt, wenn der Hut fehlt. Sie haben wohl aus alten Heimatfilmen das Klischee des Hut tragenden Pfarrers im Kopf, während sie selber unbewusst die Rolle des untertänig grüssenden Dorfbewohners übernehmen. Und Peter seinerseits, der öfters über einen Kirchenaustritt nachgedacht hat,  fühlt sich aus der realen Welt in den Heimatfilm hineingerissen, kann nicht anders, als die Rolle des Pfarrers aus dem Film zu übernehmen. Und dann wirft ihn der Heimatfilm wieder zurück in die Realität.

So schreitet Peter für einige Minuten als "Hochwürden" auf dem Kiesweg dem Dorf zu. Die Vesperglocke läutet. Ein warmer August Nachmittag.


Die Buchhandlung Steimbatzky in Tel Aviv

Ich stehe vor dem grossen Einkaufscenter in Tel Aviv, in welchem sich meines Wissens die bekannte Buchhandlung Steimatzky befindet. Vor dem Eingangstor sehe ich einen Wachmann mit Metall-Detektor, der alle Kunden abtastet und danach passieren lässt. Da entschloss ich mich, diesem Wachmann, der keine fünfundzwanzig Jahre alt schien, gleich noch eine Frage zu stellen: "Können sie mir bitte sagen, wo sich in diesem  Einkaufscenter die Buchhandlung Steimbatzky befindet?" "Eine solche Buchhandlung gibt es hier nicht," antwortet er. Ich lasse nicht locker: "Aber Steimbatzky ist eine sehr bekannte Buchhandlung in Tel Aviv." "Aha, sie meinen vielleicht die Buchhandlung Steimatzky?" "Ja, genau die, sagte ich ja!" "Nein", entgegnete der Wachmann, sie sagten "Steibatzky". "Das kann schon so getönt haben, wissen sie, ich habe eine chronisch verstopfte Nase." "Nein", sagte der Wachmann, "sie haben keine chronisch verstopfte Nase, sie haben einfach Steimatzky falsch ausgesprochen." Unterdessen hatte sich hinter mir eine Warteschlange gebildet. "Warten sie einen Moment, ich muss weiter kontrollieren." Nachdem er die wartenden übrigen Kunden abgetastet hatte, wendete er sich wieder mir zu. "Sprechen sie noch einmal Steimatzky", forderte er mich auf. Ich gab mir bei der Aussprache alle Mühe und sagte: "Steimatzky". Darauf hin schüttelte der Wachmann hoffnungslos den Kopf und sagte: "Ihre Aussprache ist immer noch fehlerhaft. Aber sie können jetzt passieren!"


Der Chefarzt

Herr Willi hat in seiner Aktenmappe meistens eine Sammlung von Zeitungs-Artikeln dabei, die ihm positiv oder negativ aufgefallen sind. Wir sitzen an einem kleinen Tischchen im Kaffeehaus. "Haben sie diesen Artikel über Toni Brunner schon gelesen?" fragte er mich und wühlte in seiner Tasche. Später erzählte er mir eine seiner vielen Geschichten, die er erlebt hat. Er ist nun pensioniert und wird bald achtzig. "Vor einigen Jahren traf ich im Bündnerland den Chefarzt des hiesigen Spitals. Es ist in der Zwischenzeit verstorben." Herr Willi konnte mit dem Arzt ein Stück mitfahren. Sie fuhren auf einer Pass-Strasse mit regem Gegenverkehr. Hinter der Leitplanke auf der rechten Strassenseite waren steil abfallende Felswände zu sehen. Der Chefarzt fuhr mit stark überhöhter Geschwindigkeit. Da bekam es Herr Willi mit der Angst zu tun und bat den Chefarzt: "Würden Sie bitte etwas langsamer fahren. Die Strasse ist sehr gefährlich hier." Da antwortete ihm der Chefarzt, dessen Frau übrigens auch im Auto sass: "Keine Angst, ich habe meinen Arztkoffer dabei!"


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Jahr: 2016


Der Sterbe-Engel

Nach einem Herzinfarkt döst der 90-jährige Patient auf der Intensiv-Station des Kantonsspitals Basel vor sich hin. Plötzlich spricht eine Männerstimme zu ihm: "Sollen wie sie reanimieren, wenn sie das Bewusstsein verlieren?" Der Patient erschrickt. Was soll diese Frage. Er hat doch den Notarzt gerufen, weil er leben will. Und seine Frau wartet zuhause auf ihn. Nachdem er sich gefasst hatte, sagte der alte Mann. "Selbstverständlich sollen sie mich reanimieren, wenn ich bewusstlos werde." Darauf der Arzt mit einem Ausdruck des Erstaunens: "Was? Und das in ihrem Alter?"

Der Portier

In Moskau gibt es ein kitschiges kleines Vier-Stern-Hotel. Es sind zwei Portiers angestellt, die vom Stuhl hinter der Glastüre aufschnellen und salutieren, wenn ein Gast das Hotel betritt oder verlässt. Der eine ist jung und dünn, aus Tadschikistan, ehemalige Sowjetrepublik, in welcher eine persische Sprache gesprochen wird. Er ist knapp 20 Jahre alt und redet erst seit einem Jahr russisch. Der andere ist etwa 40 Jahre alt, Russe, beleibt, trägt eine viel zu enge Kleidung. Neben ihm vorbei zu gehen ist ein Spiessrutenlauf, denn er stinkt wie die Hölle nach altem Schweiss. Aber eben, ein Vier-Stern-Hotel kommt nicht ohne Portier aus. Peter ist seit einer Woche Gast und redet jeden Tag ein paar Worte auf Russisch mit dem jungen Portier. Der junge Portier verrät Peter, dass er Moslem sei und dass man bei ihm zuhause die Leute mit "Salam" begrüsse. "Salam", sagt Peter und verlässt das Hotel. Er geht zu Fuss zur Sprach-Schule, in welcher Russisch lernt. Am Abend kehrt er zum Hotel zurück. Der junge Portier lacht schon von weitem. Er will Peter mit seinen Deutsch-Kenntnissen überraschen. Als Peter ins Hotel eintritt salutiert der junge Portier und sagt strahlend : "Heil Hitler!".

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Jahr: 2017


Der Organ-Spender

Hans war gesund und stark. Dann kam der Unfall.  Dass er noch sprechen konnte, hat auf der Notfall-Abteilung niemanden interessiert. Die Nieren kamen raus. Das Herz kam raus. Der Kiefer war noch brauchbar. Ein Meter Haut. Der Rest wurde zu Knochenmehl verarbeitet. Sie haben alles genommen, nicht gefragt, völlig legal.



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